O vos amici mei carissimi

Italienische und Deutsche Musik in Venedig um 1629

Aufgenommen auf CD „O vos amici mei carissimi“ 

Label RAMÉE (OUTHERE) 0805
Constanze Backes - Gerlinde Sämann - Hermann Oswald - Markus Flaig

Konzertprogramm mit Motetten aus den Sammlungen „Sacrarum Cantionum Liber Tertius“ (in Venetia 1619) von Carlo Filago und „Symphoniae Sacrae I“ (in Venetia 1629) von Heinrich Schütz. Instrumentale Musik venezianischer Meister zur Zeit Monteverdis (Giovanni Battista Riccio, Biagio Marini, Dario Castello, Giovanni Picchi)

INSTRUMENTA MUSICA  - Ercole Nisini 
4 Sänger  / 8 Instrumentalisten

"Carlo Philago ebbe così stravegante il suono, che dicono cromatico, che non ebbe chi lo sapesse imitare“
CARLO FILAGO (Rovigo 1589 – Venezia 1644) hatte einen so extravaganten Klang, den man chromatisch nannte, den niemand zu imitieren wusste.“ So beschrieben ihn Nicolò Doglioni und Zuanne Zittio in Le cose notabili et meravigliose della città di Venetia (1662). Als erster organista della Serenissima Repubblica di Venetia in S. Marco unter Kapellmeister Claudio Monteverdi war ihm die Gnade beschieden, einen der größten Musiker des Abendlandes zum Kollegen gehabt zu haben, und gleichzeitig das Unglück, trotz annähernd gleicher Begabung in dessen Schatten verblieben und über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten zu sein.

Filago war zweifellos eine der prominentesten musikalischen Persönlichkeiten in Venedig in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und einer der bedeutendsten Organisten seiner Zeit. Sein kompositorischer Stil ist einzigartig: Die Art, die tiefen Instrumente ohne geringere Anforderungen als an die Singstimmen in der polyphonen Struktur zu beteiligen und der fast experimentelle Einsatz von Deklamation und Dissonanzen in einer irregulären Metrik als dramatischer Ausdruck des Textes sind ohne Vergleich. Die Symphonia in Confitemini sowie das Instrumentarium in Sub tuum praesidium aber erinnern uns z. B. an Fili mi Absalon oder In te Domine speravi aus den Symphoniae Sacrae von Heinrich Schütz (1629). Der Saggitarius war 1628- 1629 auf seiner zweiten Reise nach Italien etwa ein Jahr in Venedig geblieben, um den italienischen Stil zu erlernen. Dass er in dieser Zeit den ersten Organisten an San Marco getroffen hat und sich vielleicht auch von dessen Musik hat inspirieren lassen, halten wir für mehr als möglich.

VENEDIG ZUR ZEIT MONTEVERDIS

Venedig ließe sich mit Fug und Recht als città della musica bezeichnen, wenn man an die vielen Musiker denkt, die im 16. und 17. Jahrhundert in den kirchlichen und weltlichen Institutionen, in den Krankenanstalten und Patrizierhäusern der Stadt wirkten. Dies gilt insbesondere angesichts der musi- kalischen Entwicklungen in den wichtigsten Zentren der von der Serenissima kontrollierten Gebiete und angesichts der Tatsache, dass das venezianische Musikverlagswesen weltweit tätig war. Venedig war Ziel oder zumindest unabdingbare Etappe für all jene, die sich, in welcher Form auch immer, mit Musik beschäftigten. Und die Musik, die in Venedig entstand und dort gehört wurde, hatte unweigerlich Vorbildcharakter für alle Musiker, ob aus Venetien, Italien oder jenseits der Alpen. So kreuzten sich oder kollidierten hier die musikalischen Werdegänge unzähliger Musiker und Musikanten aufeinander oder verfehlten sich nur knapp. Der Verlauf war dabei teils vorhersehbar, oft aber bestimmt durch logische und doch unvorhersehbare und unvorherge- sehene Termine, Gelegenheiten und Feierlichkeiten – gleich einer riesigen Partitur, bei der Gattungen, Formen, Stimmen, Instrumente und Töne in idealer Polyphonie auf einander folgen, und die sich dank einer Heerschar von Musikern immer weiter fort- setzt.

 

VENICE AT THE TIME OF MONTEVERDI

Città della musica is an appropriate epithet for Venice if one imagines all the musicians working in religious and secular institutions during the 16th and 17th centuries, and in the hospitals and palaces of the city's patricians; not to mention all the musical activity in the most important centres of the Serenissima's ter- ritory, or the extent to which the music-publishing industry of the city spread across the entire world. If not the destination, Venice was at the very least an essential stopover for all who, in one way or another, maintained links, whatever their strength, with music. The music composed and heard in Venice and its sur- roundings was a model which every musician, whether Venetian, Italian or trans-alpine strove to know, if not imitate. As a result, a myriad musical personalities and musicians crossed paths, met or avoided each other, sometimes in predictable ways or guided by a logical succession of steps, but very often in unpredictable ways, and for unforeseen reasons: events, special occa- sions or celebrations. In a way, it was like an immense score where genres, forms, voices, instruments and sounds follow each other in an ideal polyphony con- tinually regenerating itself, thanks to the contributions of an army of musicians.